
Die Auswirkungen der Trump-Politik auf Deutschland
„America First" bedeutet Gegenwind für Deutschland: Höhere Handelsbarrieren bremsen den Export, verschärfter Wettbewerb aus China drückt zusätzlich auf die Margen. Dr. Michael Heise beschreibt, warum sich die deutsche Wirtschaft auf eine veränderte Weltordnung einstellen muss – und weshalb die Chancen nur mit mutigen Reformen zu heben sind.

Die Handels- und Wirtschaftspolitik von Donald Trump trifft Deutschland in einer sehr schwierigen Lage. Die Zollerhöhungen der USA haben die weltwirtschaftliche Entwicklung gebremst und setzen das deutsche Geschäftsmodell unter Druck. Es wäre wohl noch schlimmer gekommen, wenn bis auf China die Handelspartner der USA nicht auf Gegenzölle verzichtet und damit eine gefährliche Eskalation verhindert hätten.
Der Export der deutschen Wirtschaft ist seit dem Amtsantritt von Donald Trump unter Druck geraten. Die Forschungsinstitute schätzen in ihrer Gemeinschaftsdiagnose, dass die höheren Handelsbarrieren die deutsche Wirtschaft in 2025 für sich genommen um 0,2 % und in 2026 um 0,8 % abbremsen werden. Neben der Entwicklung der Zölle hat auch die Abwertung des US-Dollar und des chinesischen Yuan belastend gewirkt. Der deutsche Export in die USA lag in den ersten acht Monaten dieses Jahres um 7,4 % und der Export nach China um 13,5 % Prozent unter dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. In Bezug auf China hat vor allem der verschärfte Wettbewerb im Automobilsektor eine Rolle gespielt.
Eine erhebliche Belastung für Exportunternehmen ist entstanden
Negative Effekte für die deutsche Wirtschaft entstehen auch dadurch, dass Unternehmen Produktionskapazitäten verlagern, etwa um US-amerikanische Zölle zu umgehen oder um die Standortvorteile der USA bei den Energiepreisen zu nutzen. Der Wettbewerbsnachteil Deutschlands durch hohe Energiepreise ist noch deutlich größer als vor der Ukraine-Krise. In dem Zeitraum seit Januar 2022 ist die Produktion der energieintensiven Produktionsbereiche in Deutschland um etwa 20 % zurückgegangen. Die Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Einkommen sind gravierend.
Komplexe Auswirkungen hat es auch, dass sich die Vereinigten Staaten gegenüber China und einigen anderen Schwellenländern wie Indien oder Brasilien noch stärker abschotten als gegenüber Europa. Der Rückgang der Lieferungen Chinas in die USA führt dazu, dass Warenströme auch nach Europa umgelenkt werden und die Anbieter durch sinkende Preise in der EU und in Deutschland hier Marktanteile gewinnen. Der ohnehin große Wettbewerbsdruck durch Anbieter aus China verschärft sich weiter und das nicht nur in den Heimatmärkten, sondern auch auf Drittmärkten, in denen deutsche und chinesische Exporteure im Wettbewerb stehen.
Auf dem US-amerikanischen Markt gewinnen deutsche Unternehmen zwar einen Vorteil gegenüber chinesischen Konkurrenten, die noch deutlich höhere Zölle auferlegt bekommen. Aber die Überschneidungen im Angebot deutscher und chinesischer Unternehmen sind im US-Markt nicht allzu groß. Anders als Deutschland ist China stark im Export günstiger Konsumartikel und von Elektronikprodukten in die USA, während für Deutschland Automobile und Maschinenbau eine wesentliche Rolle spielen. Der Vorteil an den US-Märkten durch vergleichsweise niedrige Zölle, kann den steigenden Wettbewerbsdruck durch chinesische Anbieter auf den Weltmärkten nicht kompensieren.
Die Handelspolitik birgt weiterhin Risiken
Für das internationale Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft ist die weitere Ausrichtung der Handels- und Zollpolitik von entscheidender Bedeutung. Nach Lage der Dinge ist eine Entspannung und eine Rückbesinnung auf Multilateralismus und Freihandel ist kaum zu erwarten. Das hohe Leistungsbilanzdefizit der USA könnte der US-Regierung sogar Anlass geben, weitere Zollerhöhungen oder Handelsbeschränkungen zu erwägen. Im laufenden Jahr dürfte das Leistungsbilanzdefizit der USA bei rund 4 % des Bruttoinlandsprodukts liegen und nach Schätzungen des IWF wird es 2026 gerade einmal auf 3,5% zurückgehen.
Die höheren Zölle werden das außenwirtschaftliche Defizit kaum nennenswert verringern, denn das Defizit resultiert daraus, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die durch eine sehr expansive Finanzpolitik des Staates angekurbelt wird, das Produktionsniveau in den USA deutlich übersteigt. An dem Zwillingsdefizit im US-Staatshaushalt dürfte sich aber 2026 wenig ändern. Auch die Zolleinnahmen dürften zur Absenkung von Steuern oder für Transferzahlungen an die zollgeschädigten Konsumenten rasch wieder verwendet werden, anstatt sie zur Haushaltskonsolidierung zu verwenden.
An den Devisenmärkten dürfte das hohe US-Leistungsbilanzdefizit eine weitere Abwertungstendenz des US-Dollar befördern. Die US-Regierung wird sich einer Abwertung wohl kaum entgegenstellen, zumal sie selbst die hohen Kapitalimporte kritisiert und deutlich niedrigere Zinsen fordert, die in der Regel auch die Währung schwächen. Eine Dollarabwertung würde den Gegenwind für den deutschen Export in die USA und andere Dollarländer noch erhöhen. Für die USA bedeutete eine Abwertung bessere Exportmöglichkeiten aber auch tendenziell höhere Inflation.
Die Folgen der „America First“-Politik für die Weltordnung
Auch die langfristigen Konsequenzen der Politik von Donald Trump sind gravierend. Die zentralen Elemente der von den USA geprägten Nachkriegsordnung haben für die US-Politik offenbar keine Bedeutung mehr. Das Recht des Stärkeren hat die Regelbindung außer Kraft gesetzt und von Multilateralismus kann nach unzähligen bilateralen Deals keine Rede mehr sein. Trump betreibt eine Art Neo-Merkantilismus, Zölle werden nach wirtschaftlichen Eigeninteressen und nach politischen Präferenzen erhoben. Die USA lassen sich für den militärischen Schutzschirm durch hohe Zölle und Zugeständnisse von ihren Handelspartnern vergüten.
Die deutsche Wirtschaft muss sich wohl darauf einstellen, dass auch weiterhin eine „America first“ Politik verfolgt wird. Erschwerend kommt hinzu, dass China eine größere wirtschaftliche Unabhängigkeit anstrebt und die Importabhängigkeit reduzieren möchte. So ist alles in allem damit zu rechnen, dass das Tempo der Globalisierung verhalten bleiben wird. Darüber hinaus dürfte sich die Blockbildung oder Regionalisierung fortsetzen, bei der sich ein westliches Bündnis unter der Führung der USA und ein Block von Schwellenländern unter der Führung Chinas gegenüberstehen.
Die Märkte werden stärker fragmentiert und der Handel innerhalb der Blöcke wird intensiviert, wie man es etwa bei Energieprodukten, Rohstoffen oder gar Militärgütern sehen kann. Für Deutschland, mit einem starken internationalen Geschäft, ist das grundsätzlich keine günstige Ausgangslage. Allerdings könnten neue Handelsabkommen wie etwa mit den Mercosur-Staaten oder mit asiatischen und pazifischen Staaten auch neue Impulse für Deutschland und Europa setzen.
Die Disruption bringt auch Chancen
Die Frage ist, ob die Trumpsche Politik auch positive Effekte für Deutschland und Europa hat. Richtig ist, dass die „disruptive“ Politik von Donald Trump auch Opportunitäten schafft. Im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich etwa hat der angedrohte Rückzug der USA einen markanten Richtungswechsel der Politik und eine starke Expansion des Verteidigungssektors hierzulande ausgelöst.
Erkennbar ist auch, dass sich Deutschland und Europa um mehr Unabhängigkeit in der Energieversorgung und der Lieferung von Rohstoffen bemühen. Das wird die Handelsbeziehungen zu anderen Ländern verbessern. Schließlich hat die schwierige internationale Lage auch den Fokus auf Maßnahmen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit Europas und Deutschlands verstärkt. Allerdings sind nur einzelne eher kleinere Schritte etwa zum Bürokratieabbau und zur Verbesserung der Investitionsbedingungen gemacht worden. Tiefgreifende Reformen lassen sowohl auf der europäischen wie auf der nationalen Ebene noch auf sich warten.
Eine deutliche Wachstumsstärkung in Deutschland und der EU im Ganzen wäre erforderlich, damit die Hoffnungen auf eine stärkere globale Rolle des Euro nicht auch in Zukunft enttäuscht werden. Die disruptive Politik von Trump, die den freien Kapitalverkehr und die Unabhängigkeit der Notenbank in Frage stellt, hat dem Euro entgegen den Erwartungen kaum einen Bedeutungsgewinn als globale Währung beschert. Der globale Moment des Euro, den etwa Frau Lagarde vor einigen Monaten erkannt hat, ist bislang nicht Realität geworden. Auch hier zeigt sich, dass die teilweise verstörenden Maßnahmen von Donald Trump keinen Automatismus zugunsten von Europa auslösen. Es liegt also an uns selbst, etwa Investitionskapital aus dem Ausland anzulocken und damit einen Vorteil aus der Trumpschen Politik zu ziehen.
Fazit
Die Wirtschaftspolitik von Donald Trump ist eine Belastung für die deutsche Wirtschaft. Das gilt sowohl kurzfristig als auch in Bezug auf die langfristigen Veränderungen im Welthandelssystem mit einem Verlust an Regelbindung und multilateraler Ausrichtung. Die bislang hohe Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft, die für europäische und deutsche Firmen positiv ist, wird durch eine sehr expansive Finanzpolitik und enorme Schuldensteigerungen erkauft.
Früher oder später wird es zu einer Konsolidierung kommen müssen. Einstweilen bringt die Politik aber Risiken für die Renditen an den Weltkapitalmärkten und den Wert des US-Dollars mit sich. Um die Chancen des Umbruchs in der Weltwirtschaft zu nutzen, ist es für Europa und Deutschland von zentraler Bedeutung die Wettbewerbsfähigkeit und die Attraktivität als Standorte zu erhöhen und mit möglichst breiten Freihandelsabkommen mit wichtigen Handelspartnern zu sichern.