
KI bringt keine Entlastung bei Inflation und Zinsen
Mit dem Fortschreiten der Künstlichen Intelligenz (KI) verbindet sich die Hoffnung auf einen deutlichen Anstieg der Arbeitsproduktivität und weniger Inflation. Für die Geldpolitik wäre das eine starke Entlastung. Sie könnte bei steigender Produktivität und niedrigerer Inflation die Zinsen senken. Tatsächlich gibt es einige Gründe, warum sich diese Erwartung vorerst nicht erfüllen wird.

Die Möglichkeit, dass das Zinsniveau im Zuge der Verbreitung von KI längerfristig sinken könnte, hat auch der neue Chef der US-Zentralbank, Kevin Warsh, wiederholt angesprochen. Er rief eine hochkarätige Arbeitsgruppe ins Leben, die die Zusammenhänge zwischen künstlicher Intelligenz, der Entwicklung am Arbeitsmarkt und der Relevanz für die Geldpolitik untersuchen soll.
Ob die KI tatsächlich in absehbarer Zeit den Inflationsdruck mindert und niedrigere Zinsen erlauben wird, ist allerdings nicht abzusehen. Die aktuell steigende Entwicklung der Zinsen und der Inflation spricht eher dagegen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Gerade in der Zeit der KI-Entwicklung und Verbreitung sind enorme Investitionen notwendig, die die Nachfrage und die Preise in vielen Bereichen, nicht zuletzt bei Energie, nach oben treiben. Auch längerfristig sind keine inflationsdämpfenden Effekte zu erwarten, wenn die Verbraucher und die Unternehmen zukünftige Produktivitätssteigerungen und höhere Einkommen in ihren Planungen antizipieren und deswegen mehr konsumieren und investieren. Das Zinsniveau, das Preisstabilität garantiert, wäre dann eher höher als zuvor.
Ob sich ein solches expansives Wirtschaftsszenario entwickelt, ist allerdings nicht gesichert. So ist es durchaus möglich, dass die Künstliche Intelligenz eine nennenswerte Zahl von Arbeitsplätzen überflüssig macht und dadurch eine Verunsicherung erzeugt, die die Konsumenten eher zur Konsumzurückhaltung und zum Vorsichtssparen veranlasst. Dann würde das Zinsniveau gedrückt werden. Ein solcher Effekt könnte dadurch verstärkt werden, das KI die Kapitaleinkommen stärker steigen lässt als die Arbeitseinkommen und dass die Einkommensungleichheit unter den Erwerbstätigen erhöht wird.
In welche Richtung die Entwicklung gehen könnte
Empirisch ist die Richtung noch nicht auszumachen. Ein deutlicher Abbau der Beschäftigung ist auch in Bereichen, in denen die KI potentiell viele Arbeitsplätze ersetzen könnte, bislang nicht zu erkennen. Auch wenn manche Jobprofile wegfallen, kommen neue Funktionen hinzu. Selbst in konjunkturell sehr schwachen Ländern wie Deutschland ist in der Summe noch kein deutlicher Beschäftigungsrückgang zu beobachten. Festzustellen ist allerdings, dass die Beschäftigungschancen jüngerer Menschen zurückgehen, wohl auch weil die Unternehmen die Auswirkungen von KI zunächst austarieren.
Dass sich langfristig deutliche Beschäftigungsverluste bei gleichzeitig starken Produktivitätssteigerungen ergeben, ist nicht auszuschließen, angesichts der Erfahrung mit früheren technologischen Umbrüchen aber auch nicht wahrscheinlich. Innovationen wie die Elektrizität, die Dampfmaschine oder das Internet haben zwar viele Arbeitstätigkeiten ersetzt, aber gleichzeitig neue Waren und Dienstleistungen entstehen lassen, die zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten und Einkommenschancen boten.
Die Entwicklung unterscheidet sich von früheren technologischen Revolutionen
Auch wenn die Entwicklung von KI sich von früheren technologischen Revolutionen unterscheidet – die Geschwindigkeit der Verbreitung ist wesentlich höher und es sind vor allem qualifizierte Arbeitsplätze, die durch KI substituiert werden könnten – werden durch KI zahlreiche Innovationen sowie neue Dienstleistungen und Waren entstehen, die Einkommen und Jobs entstehen lassen.
Angesichts der Knappheit von Arbeitskräften, die sich aufgrund der demografischen Entwicklung in vielen Ländern noch verstärken wird, wäre ein Produktivitätsanstieg durch die KI sicher wünschenswert. Produktivitätssteigerungen würden den inflationären Effekt eines sinkenden Arbeitsangebots über höhere Löhne und sinkende Produktionsmöglichkeiten entgegenwirken. Ob sie aber stark genug sind, diese Effekte in vollem Umfang zu kompensieren, ist nicht absehbar. Die aktuelle Entwicklung der Arbeitsproduktivität zeigt – vor allem in Europa – noch keine starke Beschleunigung. Der Anstieg der Arbeitsproduktivität in den USA kann nach Meinung der der Zentralbank und vieler anderer Forschungsinstitute noch nicht auf den produktivitätssteigernden Effekt der KI zurückgeführt werden.
Was sich als Fazit festhalten lässt
Für Entwicklung und Verbreitung der KI sind sehr hohe Investitionen und steigende Preistendenzen erwarten – für die nötige Ausstattung und Infrastruktur sowie die Energie. Niedrigere Zinsen sind daher kurzfristig nicht zu erwarten. In Bezug auf die Produktivitätsentwicklung dürfte es auch bei KI einen J-Kurveneffekt geben. Kurzfristig bleiben Produktivitätsgewinne begrenzt, wie wir es auch aktuell beobachten können, weil die Nutzung der neuen Technologie zunächst hohe Ausgaben und Kosten erzeugt. Mittelfristig steigt dann der Output je Arbeitsstunde an.
Da die Verbraucher und die Unternehmen auf längerfristige Produktivitätssteigerungen mit steigendem Konsum und höhere Produktion reagieren dürften, wird ein dämpfender Effekt auf das Zinsniveau wohl ausbleiben. Ein klarer Rückgang von Inflation und Zinsen wäre nur bei sehr negativer Entwicklung der Beschäftigung zu erwarten. Dafür gibt es jedoch bislang keine Anzeichen und auch die Erfahrungen früherer Technologiezyklen sprechen nicht dafür. Der sogenannte neutrale Zins, der in der Geldpolitik eine Rolle spielt und Inflation und Wachstum im Gleichgewicht halten soll, wird daher kaum zurückgehen. Vorauseilende Zinssenkungen aufgrund der potenziellen Wirkungen von KI sind keinesfalls berechtigt.