12. Juni 20266 Minutes

Die Märkte sind nicht verrückt geworden

Krise hier, Stagnation dort, aber gleichzeitig notiert der DAX nahe seiner Höchststände. Wie passt das zusammen? Dr. Michael Heise erklärt, warum die deutsche Wirtschaft trotz aller Probleme nicht abgeschrieben werden sollte, weshalb 2026 und 2027 bessere Jahre werden könnten als erwartet – und wieso Defätismus auch ökonomisch falsch ist.

Herr Dr. Heise, überall wird über die Krise der deutschen Wirtschaft geklagt. Gleichzeitig eilt der DAX von Rekord zu Rekord. Sind an den Märkten alle verrückt geworden?

Nein. Einmal davon abgesehen, dass die DAX-Konzerne nicht nur hierzulande tätig sind, blickt die Börse nach vorne und sieht durchaus Chancen für eine Belebung der deutschen Wirtschaft. Viele übersehen, dass die großen staatlichen Ausgabenprogramme für Infrastruktur erst noch kommen. Dass 2025 noch nicht viel davon investiert wurde, ist angesichts der Planungszeiträume hierzulande verständlich. Der Konjunkturimpuls wird bedeutend sein. Für 2026 erwarten wir ein Wachstum von 0,8 Prozent, 2027 können wir auf 1,1 oder 1,2 Prozent kommen, wenn kein neuer Ölpreisschock stattfindet. Auch für den privaten Sektor ist der Nachfrage- und Investitionsanreiz durch staatliche Mehrausgaben erheblich.

Das klingt nicht berühmt und trotzdem deutlich optimistischer als vieles, was man derzeit hört.

Man sollte die Möglichkeiten nicht unterschätzen. Wenn die Rahmenbedingungen besser werden, investieren die Unternehmen auch wieder mehr. Wir sollten nicht sagen, das bringe ja doch alles nichts. Defätismus ist auch ökonomisch falsch.

Welche Rahmenbedingungen müssen sich verbessern?

Begrenzte Reformen werden wohl im Sommer kommen. Bei der Einkommensteuer, aber hoffentlich auch bei den Sozialbeiträgen und der Ausgabenbegrenzung. Auch begrenzte Reformen können die Stimmung der Unternehmen verbessern. Die Regierung muss glaubhaft machen, dass sie daran geht, die stark gestiegenen Sozialabgaben zu reduzieren. Sie belasten als Zwangsabgaben die Arbeitnehmer, binden hohe Steuermittel des Staates und sie machen Arbeit für die Unternehmen teuer.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Neben Sozialreformen muss die Regierung die Ausgaben und die Subventionen senken. Vor allem beim sehr großen Posten Staatskonsum gibt es Handlungsbedarf. Dieser ist nach Berechnung des Ifo-Instituts seit 2015 um etwa 25 Prozent gestiegen, während die privaten Investitionen wieder auf das Niveau von 2015 gefallen sind. Bei dieser Rechnung sind die Sozialausgaben noch gar nicht enthalten.

Ein weiterer Kritikpunkt vieler Unternehmen sind die hohen Steuern. Die Bundesregierung plant hier Entlastungen. Reicht das nicht aus?

Dass die Regierung die Körperschaftsteuer erst ab 2028 schrittweise um insgesamt fünf Prozent senkt, ist als Maßnahme zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ein Witz. Eine solche Ankündigung veranlasst Unternehmen nicht zu mehr Investitionen am hiesigen Standort. Bis dahin kann es andere Regierungen geben, die möglicherweise sagen werden, dass kein Geld dafür vorhanden sei. Es wäre besser, die Gewerbesteuer schnell zu senken. Das entlastet Unternehmen, die eine Steuerermäßigung brauchen.

Und wie steht es um den Bürokratieabbau?

Bürokratieabbau in größerem Umfang sehe ich nicht. Da gibt es immer starke politische Fraktionen, die dagegen sind. Immerhin: Bei erneuerbaren Energien, Bereichen der Infrastruktur und der Verteidigung kommen Genehmigungen jetzt schneller, aber nicht auf breiter Front.

Oft wird argumentiert, Deutschland müsse unabhängiger von China werden. Welche Rolle spielt das Land heute noch für unsere Wirtschaft?

China war sehr wichtig für Deutschland als Exportmarkt. Heute liegt das Land nur noch knapp vor Österreich und ist inzwischen weniger wichtig als Polen – trotz der Milliardenbevölkerung. Die chinesische Strategie, unabhängiger zu werden, sieht man in den Daten sehr deutlich. Es handelt sich um ein staatlich orchestriertes Ungleichgewicht.

Kann die Rückverlagerung von Produktion nach Europa oder Deutschland helfen?

Eine Relokalisierung von Produktion kann in manchen Bereichen die Unabhängigkeit erhöhen, einen bedeutenden Konjunkturimpuls sehe ich dadurch nicht.

Wie groß ist das Risiko, dass steigende Energiepreise die erhoffte Erholung wieder abwürgen?

Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt. Voraussetzung für eine Konjunkturbelebung ist, dass der Ölpreis unterhalb der Marke von rund 90 Dollar pro Fass bleibt. Das ist immer noch eine Belastung, aber sie ist verkraftbar.

Viele Verbraucher haben das Gefühl, dass die Inflation längst nicht besiegt ist. Täuscht dieser Eindruck?

Nein. Die befristete Absenkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe hat deren Preise im Vergleich zum April sinken lassen. Im Vorjahresvergleich sind Kraftstoffe ebenso wie der gesamte Energieverbrauch der Haushalte jedoch deutlich teurer. Dienstleistungen tragen ebenfalls wesentlich zur Teuerung bei. Die Zwei-Prozent-Marke der Zentralbanken wird in den kommenden Monaten in Deutschland wohl nicht in greifbare Nähe rücken. Mit dem Auslaufen der Steuermäßigung auf Kraftstoffe im Juli ist ein weiterer Preisanstieg zu erwarten. Derzeit erscheint es eher unwahrscheinlich, dass die Weltmarktpreise für Rohöl und Gas angesichts der Entwicklung im Nahen Osten deutlich zurückgehen.

Wenn Sie auf die kommenden zwei Jahre blicken: Sind Sie für die deutsche Wirtschaft eher optimistisch oder eher pessimistisch?

Deutschland hat weiterhin erhebliche Strukturprobleme, aber auch ein exzellentes Arbeitskräftepotential und sehr leistungsfähige Unternehmen. Entscheidend ist jetzt, ob die Politik die richtigen Signale setzt und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts stärkt. Wenn die Rahmenbedingungen besser werden, werden auch die Unternehmen wieder mehr investieren.

Bitte beachten Sie: Die Vermögensanlage an den Kapitalmärkten ist mit Risiken verbunden und kann im Extremfall zum Verlust des gesamten eingesetzten Kapitals führen. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für die Wertentwicklung in der Zukunft. Auch Prognosen haben keine verlässliche Aussagekraft für künftige Wertentwicklungen. Die Darstellung ist keine Anlage-, Rechts- und/oder Steuerberatung. Alle Inhalte auf unserer Webseite dienen lediglich der Information. 

Newsletter

Mit dem Newsletter von HQ Trust erhalten Sie jeden Monat wichtige Informationen zu den Kapitalmärkten und erfahren Wissenswertes rund um die Themenbereiche Family Office, Alternative Investments und Vermögensverwaltung.

Bad Homburg
Am Pilgerrain 17
61352 Bad Homburg v. d. Höhe

Ihr Weg zu uns

+49 6172 402 850
kontakt@hqtrust.de

Düsseldorf
Kaistraße 8
40221 Düsseldorf

Ihr Weg zu uns

+49 211 311 979 0
kontakt@hqtrust.de

Berlin

Kurfürstendamm 15
10719 Berlin

Ihr Weg zu uns

kontakt@hqtrust.de