
Warum sich die Inflation oft höher anfühlt, als sie tatsächlich ist
Die Inflationsraten liegen derzeit bei rund 2 Prozent – eigentlich ein moderates Niveau. Trotzdem haben viele Menschen das Gefühl, dass das Leben deutlich teurer wird. Woran liegt das? Dr. Michael Heise erklärt im Interview, warum die „gefühlte Inflation“ oft über den amtlichen Zahlen liegt, welche Rolle Konsumgewohnheiten dabei spielen und was das für die Geldpolitik in Europa und den USA bedeutet.

Die Inflationsrate liegt bei rund 2 %. Trotzdem empfinden viele Menschen die Teuerung als sehr hoch. Wie passt das zusammen, Herr Dr. Heise?
Die gemessene Inflation ist tatsächlich vergleichsweise moderat, doch in den verschiedenen Produktgruppen hat sich die Teuerung sehr unterschiedlich entwickelt. Das führt dazu, dass vielen Verbrauchern die Inflation höher erscheint als die amtlich ausgewiesene Zahl.
Wo war das besonders stark der Fall?
Zuletzt kann das bei Verbrauchern der Fall gewesen sein, die einen hohen Anteil an Dienstleistungsausgaben haben. Etwa für Leistungen im Hotel- und Gastronomiebereich, für soziale Dienstleistungen oder auch für Versicherungen – um nur einige Bereiche zu nennen, in denen die Preise kräftig gestiegen sind.
Dann muss es doch auch Bereiche geben, die deutlich unter der 2-%-Marke liegen.
Die gibt es: Haushaltsenergie beispielsweise ist sogar etwas günstiger als vor einem Jahr, gewerbliche Waren liegen nur moderat darüber. Diese Entlastungen werden von vielen Verbrauchern allerdings oft weniger stark wahrgenommen, weil die dahinter liegenden Produkte entweder seltener gekauft werden oder die Preissenkungen etwa beim Energieverbrauch erst später bei der Jahresrechnung fühlbar werden.
Dann hängt die gefühlte Inflation stark mit dem Kaufverhalten zusammen?
Das ist richtig. Preisrückgänge bei langlebigen Gütern wie Elektronik oder Haushaltsgeräten fallen bei der gefühlten Teuerung weniger ins Gewicht, weil man sie relativ selten kauft. Tägliche Konsumgüter dagegen haben einen hohen Fühlfaktor. Wer regelmäßig Kaffee, Kakao oder Schokolade konsumiert, spürt die Preissteigerungen deutlich. Aber auch in diesem Bereich entwickeln sich nicht alle Preise in dieselbe Richtung: Speiseöle oder alkoholische Getränke waren zuletzt günstiger als vor einem Jahr. Auch hängt es natürlich stark von den individuellen Gewohnheiten ab.
Interessieren sich die Notenbanken für diese Wahrnehmung?
Ja, durchaus. Die gefühlte Inflation ist zwar per Definition subjektiv, sie kann aber reale Folgen haben. Wenn Verbraucher dauerhaft eine höhere Teuerung erwarten, kann sich das in steigenden Lohnforderungen und höheren Preisen niederschlagen. Umfragen der EZB zeigen, dass die wahrgenommene Inflation im Euroraum seit rund einem Jahr deutlich über den offiziellen Werten liegt. Und es gibt aktuell wenig Gründe anzunehmen, dass sich das kurzfristig ändert.
Was erwarten Sie für die Geldpolitik im Euroraum?
Derzeit gibt es keinen Anlass, die Zinsen zu verändern. Die Konjunktur ist leicht aufwärtsgerichtet, die Inflation stabil nahe dem mittelfristigen Zwei-Prozent-Ziel – auch wenn das viele Verbraucher anders empfinden.
Dann dürfte der Zinssenkungszyklus der EZB beendet sein?
Davon gehe ich aus. Die Zinssenkungserwartungen, die zeitweise in den Finanzmarktpreisen auftauchten, sind inzwischen völlig verschwunden. Stabilität dürfte das neue Credo der Zinspolitik 2026 werden. Es ist gut möglich, dass der Einlagensatz von zwei Prozent auch Ende 2026 noch gilt.
Was müsste passieren, damit es doch noch ganz anders kommt?
An den Märkten wurde zwischenzeitlich über Zinserhöhungen spekuliert. Diese würden aber deutlich negative Überraschungen bei der Inflation voraussetzen. Dafür sehe ich derzeit wenig Anzeichen. Bei insgesamt moderatem Lohnanstieg, etwas besserer Produktivität und massiver Konkurrenz – unter anderem durch Anbieter aus China – droht kein starker Preisauftrieb.
Klagen auch die US-Verbraucher über steigende Lebenshaltungskosten?
Ja und die Gründe sind hier ähnlich wie in Europa: Güter des täglichen Bedarfs – insbesondere Nahrungsmittel und die Preise im Gastronomiebereich – haben sich deutlich verteuert. Die gleichzeitigen Preisrückgänge bei langlebigen Gütern werden dagegen auch bei den Verbrauchern in den Vereinigten Staaten von Amerika weniger wahrgenommen. Und das treibt gefühlte Inflation über die gemessene hinaus.
Wie ordnen Sie die Inflation in den USA ein?
Ein Einfluss der Zölle ist durchaus erkennbar, vor allem bei Gütergruppen mit hoher Importquote wie Elektronik, Bekleidung oder Möbeln. Insgesamt fällt der Effekt aber geringer aus als erwartet. Das liegt an den zahlreichen Ausnahmeregelungen, an angepassten Lieferketten und daran, dass Exporteure und Importeure ihre Margen zunächst reduziert haben, um Marktanteile zu halten.
Die US-Notenbank erwartet, dass der inflationäre Effekt der Zölle mit der Zeit nachlässt…
Ja, der Effekt dürfte im Verlauf des Jahres 2026 nachlassen. In der ersten Jahreshälfte ist allerdings noch damit zu rechnen, dass Unternehmen mit gesunkenen Margen Preiserhöhungen nachholen. Darauf deuten auch die Preiserwartungen der Unternehmen hin.
Dann ist der Spielraum der Fed für Zinssenkungen wohl nicht besonders groß.
Ich erwarte, dass die Inflation Ende 2026 zwischen 2,5 und 3 Prozent liegen wird – etwas höher als von der Fed angenommen. In diesem Umfeld ist mehr als eine Zinssenkung sehr unwahrscheinlich.