
Warum Benzin teuer bleibt, obwohl der Ölpreis längst gefallen ist

Der Ölpreis hat sich nach dem Schock durch den Iran-Krieg wieder deutlich erholt und notiert nahe dem Vorkrisenniveau. Trotzdem bleiben die Preise an Zapfsäulen hoch. Das Ende des Tankrabatts erklärt nur einen Teil dieses Aufschlags. Pascal Kielkopf hat nachgerechnet und einen Markteffekt gefunden, der stärker wirkt als die Steuerpolitik.
Zeitraum: Februar 1983 – Juli 2026; Quelle : LSEG, HQ Trust Research.
Für die Analyse stellt der Kapitalmarktstratege vom Family Office HQ Trust den WTI-Ölpreis dem entsprechenden Großhandelspreis für Benzin seit 1983 gegenüber. Aus der Differenz beider Preise berechnete Pascal Kielkopf den sogenannten Crack Spread. Dieser beschreibt den Aufschlag eines Barrels Benzin gegenüber einem Barrel Rohöl und gilt als wichtiger Indikator für die Knappheit von Kraftstoffen und die Margen der Raffinerien.
Die wichtigsten Ergebnisse
- „Der Blick auf die letzten vier Jahrzehnte zeigt, dass der Aufschlag des Benzinpreises auf den Ölpreis in normalen Zeiten typischerweise unter 20 US-Dollar pro Barrel liegt. Über weite Strecken lag er sogar im niedrigen Zehn‑Dollar‑Bereich.“
- „In Krisenphasen steigt der Crack Spread deutlich an. Etwa während des Arabischen Frühlings 2011/2012 oder nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022, als die Aufschläge zeitweise deutlich über 40 US‑Dollar kletterten.“
Aktuelle Situation
- „Der Benzinpreis wird nicht allein vom Ölpreis bestimmt. Zwar ist Rohöl derzeit ausreichend verfügbar, doch die Raffinerien können ihr Angebot kurzfristig nicht im gleichen Maß ausweiten. Die knappen Verarbeitungskapazitäten halten die Benzinpreise hoch.“
- „Im aktuellen Umfeld ist der Benzinpreis bei weitem nicht so stark gefallen wie der Ölpreis, wodurch der Crack Spread stark angestiegen ist.“
- „Der aktuelle Aufschlag des Benzinpreises erreicht mit über 50 US-Dollar je Barrel ein Niveau, das wir seit 1983 erst in drei ausgeprägten Krisenphasen beobachtet haben.“
- „Das Ende des Tankrabatts hat den Literpreis zwar wieder um rund 17 Cent erhöht. Der immer noch hohe Benzinpreis erklärt sich aktuell jedoch vor allem durch den deutlich ausgeweiteten Aufschlag des Benzinpreises gegenüber dem Ölpreis.“
Was Verbraucher aus der Analyse lernen können
- „Der aktuelle Aufschlag des Benzinpreises ist in erster Linie Ausdruck eines globalen Produktionsschocks.“
- „Der von wenigen großen Ölkonzernen dominierte Markt kann die Margen in der Spitze zwar verstärken, dominierende Preistreiber sind jedoch die Rohölpreise, die Angebotsbedingungen bei den Raffinerien und das staatliche Steuerregime.“
- „Die Erfahrung aus früheren Krisen spricht dafür, dass sich die Aufschläge wieder normalisieren. Sobald Raffinerien ihre Produktion wieder ausweiten und Lieferketten neu organisiert sind, gehen die Crack Spreads zurück.“
- „Historische Erfahrungen und aktuelle Kapazitätsprognosen sprechen aber eher für eine zähe Normalisierung innerhalb der nächsten Monate.“
